Natur und Kultur in den Abruzzen

Inspiriert durch Georg Jung´s wunderschöne Landschaftsaufnahmen in seinem Buch "Wanderungen in den Abruzzen" fuhren wir Anfang Juni 2000 zu zweit Richtung Gran-Sasso-Gebiet. In Italien ist dieses das südlichste Bergmassiv mit alpinen Verhältnissen. Neben dem Gran Sasso gibt es in den Abruzzen noch drei weitere Berggebiete: das Velino/Sirente-Massiv, den Nationalpark und die Maiella. Die Abruzzen liegen östlich von Rom; umgeben sind sie von den Marken im Norden, Latium im Westen und Molise im Süden; die östliche Landesgrenze der Abruzzen bildet die Adria.
Das Auto war bepackt bis unter das Dach: zwei Bikes, Wander- und Kletterausrüstung, ein kleines Zelt sowie der sonst übliche Krimskrams. Und wie es sich im Laufe der zehn, vor uns liegenden Tage herausstellen sollte, kam auch das gesamte Equipment zum Einsatz - sogar die bisher unerwähnten Badesachen.
Die erste Unterkunft fand sich in der Albergo Campo Imperatore auf 2.120 m Höhe, deren Charme eher an eine Kaserne als an eine romantische Bergunterkunft erinnert. Und die Parkplatzwüste ringsum ließ uns erahnen, welcher Betrieb hier wohl im Sommer herrschen muss, wenn die Römer für einen Sonntagsausflug, der Hitze ihrer Stadt, in kühlere Bergluft entfliehen. Als Ausgangspunkt für die Besteigung des höchsten Apenningipfels, den Corno Grande (2.912 m), ist dieser Stützpunkt jedoch ideal und die Aussicht auf "Campo & Corno" begeisterte uns dennoch. Für den Aufstieg zum Corno Grande tags darauf, hatten wir die Wahl zwischen der "Via Direttisima" oder dem Normalweg. Da es die erste Bergtour der Saison war und in den Hochlagen auch noch größere Schneefelder bestanden, entschieden wir uns für letzteren, jedoch mit der Variante über die schon schneefreie Cresta Ovest (I), die über den westlichen Gipfelkamm des Corno Grandes führt. Der Zufall wollte es, dass uns am Gipfel ein junger Italiener ansprach, der in Deutschland aufgewachsen ist und uns nun stolz seine Heimat präsentierte: "Dort im Südwesten seht ihr die Monti della Sirente und im Südosten die Maiella... Und habt ihr schon etwas von den alten Bergdörfern gesehen? Unbedingt sehenswert ist...". Kurz gesagt: Gianni versorgte uns mit zahlreichen Tipps und so begeisterte uns nun nicht nur die Landschaft der Abruzzen, sondern auch die Freundlichkeit und Herzlichkeit der Landsleute.
Für die nächsten Tage bezogen wir in dem kleinen, ehemaligen Medici-Ort "Santo Stefano die Sessanio" Quartier. Wie in vielen anderen Dörfern leben heute nur noch wenige Menschen hier, die ihren Unterhalt vorwiegend mit der Landwirtschaft verdienen. Eine bekannte Spezialität des Ortes sind die sogenannten Lenticchie, sehr kleine Linsen, die besonders aromatisch schmecken. Die Küche der Abruzzen ist bekannt für scharfe und deftige Gerichte - nach einer tagesfüllenden Mountainbike-, Berg- oder Kultur-Tour kommt einem das gerade recht.
Apropos Mountainbiken: das Gebiet des Campo Imperatore ist dafür nahezu ideal. Dieses Hochbecken von ca. 27 km Länge und 7 - 8 km Breite, das zum Andenken an den Hohenstaufen-Kaiser Friedrich II. benannt wurde, ist grasbewachsen und unbewaldet. Das Verkehrsaufkommen ist äußerst gering und so können insbesondere Mountainbike-Neulinge neben zahlreich vorhandenen, grob geschotterten Feldwegen auch die asphaltierten Straßen nutzen. Herrlich, wenn man sich eine Passstraße hinauf gearbeitet hat und rückblickend bereits besuchte Orte wie Castel del Monte oder Castelvecchio, eingebettet in diese phantastische Hügellandschaft, sehen kann. Aber auch für Mountainbike-Profis gibt es viel zu erkunden; wir entdeckten ein ausgetrocknetes Flussbett, dessen tiefer Schotter dem Fahrkönnen einiges abverlangte.
An einem sportlichen "Pausentag" entschieden wir uns für einen Besuch der Provinzhauptstadt L'Aquila; dennoch hatten unsere Beine abends dann etliche Kilometer über Plätze und durch schmale Gassen gemeistert, da es so viel Interessantes zu sehen gab: die Kirche "S. Maria di Collemaggio", die mit ihrer Fassade aus rosaroten und weißen Marmorblöcken zu den schönsten Bauwerken der Abruzzen zählt; die "Fontana delle 99 cannelle" mit ihren 93 (!) maskenhaften Wasserspeiern; zahlreiche Innenhöfe und Palastbauten. Auch in der Provinzhauptstadt fiel uns wieder angenehm auf, wie wenig touristisch erschlossen die Abruzzen noch sind - eine deutsche Tageszeitung suchte man hier vergeblich.
Auf der Rückfahrt von L'Aquila zum Campo Imperatore inspizierten wir einen Klettergarten nahe der Ortschaft Monticchio. Leider brachten wir Topo und Original in keiner Weise in Übereinklang; die Rostgurken in der Wand schienen uns alles andere als vertrauenserweckend und so zogen wir ungeklettert von dannen. Ein paar Tage später hatten wir mehr Glück: nach einer Einkaufstour nach L'Aquila fuhren wir den Klettergarten Madonna D'Appari bei Paganica an, dessen Routen gut abgesichert waren und auch für unser Leistungsniveau passten (eingerichtet sind Routen von 4C - 7C). So waren wir beide zufrieden, dass die Kletterausrüstung doch noch zum Einsatz gekommen war. Für wahre Kletterfreaks sei an dieser Stelle erwähnt, dass natürlich auch das Gran-Sasso-Gebiet selbst zahlreiche alpine Kletterrouten bietet. Der senkrechte Pfeileranstieg an der Ostwand des Corno Grandes soll Genusskletterei im 6. Schwierigkeitsgrad bieten...
Unsere zweite Bergtour führte uns auf den Monte Camicia (2.564 m). Dieser letzte bedeutende Gipfel am östlichen Ende der 35 Kilometer langen Gebirgskette des Gran-Sasso-Massivs ist insbesondere durch seine teils über 1.000 m senkrechten Nordabstürze berühmt. Nahe am Abgrund stehend, den Flickenteppich der Felder tief unter sich liegend, kommt man sich fast wie ein Vogel vor. An diesem sonnigen Tag begegneten uns während der gesamten Tour gerade einmal zwei Wanderer - und eine Herde robuster Pferde, die sich die saftigsten Gräser der üppig blühenden Bergwiesen schmecken ließ.
Nach einer Woche wechselten wir das Gebiet. Wir besuchten Gianni in der Küstenregion, in der Nähe von Chieti, der mit seiner Familie dort Zimmer vermietet. Von hier aus machten wir einen Badeausflug an die nahe gelegene Adria, eine Stadtbesichtigung von Chieti unter fachkundiger Führung von Sergio, einem kunsthistorisch bewanderten Freund Giannis und last but not least eine beeindruckende Bergtour in der Maiella. Hier war es nicht die karge Weite eines Campo Imperatore, die uns beeindruckte, sondern vielmehr die dicht bewachsenen, engen und tiefen Schluchten sowie die steil aufragenden Felsen aus Kalkgestein. Am Aufstieg zum Cima d. Murelle (2.596 m) hatten wir die Latschenzone hinter uns gelassen und fanden im Geröll zahlreiche Versteinerungen, die unsere Sammelleidenschaft weckten. Am Gipfel angekommen, wechselte leider das Wetter. Weißgraue Nebelschwaden stiegen auf und so versagten wir uns den Weiterweg über einen zackig-kantig lockenden Grad und zogen uns lieber auf bereits bekanntem Weg zurück.
Neugierig geworden auf die Abruzzen und schon fast unterwegs dorthin? Wir empfanden den Juni als ideale Zeit für dieses Gebiet, da sich der Schnee größtenteils aufgelöst hatte, die Flora in den niedrigeren Lagen bereits üppig blühte und es auf dem schattenarmen Campo Imperatore auch noch nicht zu heiß war (Sonnenschutz ist trotzdem wichtig!).
Weitere Informationen und Links zu den Abruzzen finden Interessierte unter InfoAbruzzen.
Noch mehr Fotos gibt es in der Bildergalerie dieser Homepage.
Text: Dagmar Löther
Fotos: Wernfred Zolnhofer
Inhalte habe ich aus: http://www.augusta.de/~zoli/Bergsport/berichtabruzzen.html
super geschrieben
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